Emmys Berichte aus Great Britain

Emmys Berichte über "Leben in Great Britain"

3. Bericht 'Leben in Britain'

Wer fährt eigentlich auf der „falschen“ Seite?

Liebe Leserinnen und Leser,

schön, dass Sie wieder vorbeischauen. Heute geht es um den Verkehr. Ich kann Ihnen sagen, die Verkehrssituation und das Verkehrsverhalten der meisten Engländer(inn)en ist für mich als wirklich sehr deutsch sozialisierte Autofahrerin eine tägliche Konfrontation, ein tägliches Ärgernis und zugleich eine täglich schöne Überraschung im Umgang miteinander.

Als ich hierherzog, war meine größte Sorge, dass ich Probleme haben werde links zu fahren. Also auf der „falschen“ Seite. Aber ist es wirklich die „falsche“ Seite? Haben Sie sich schon mal gefragt, woher es eigentlich kommt, dass wir auf unterschiedlichen Seiten fahren?

Wenn wir in der Geschichte etwas zurückgehen, werden wir feststellen, dass Linksverkehr nicht so ungewöhnlich war. Schon in der Antike marschierte man links. Und auch im Mittelalter herrschte in weiten Teilen Europas Linksverkehr. Aber die ganz große Veränderung kam mit der Eroberungstour Napoleons. Bis dahin war es selbst in Frankreich üblich rechts zu gehen und links zu fahren. Aber Napoleon führte in Frankreich und vielen Ländern Europas den Rechtsverkehr verbindlich ein. Und nach seiner Regierungszeit blieben viele Länder dann einfach beim Rechtsverkehr. Nur die Engländer fuhren stets links und behielten das auch bei. Bis heute. Stellt sich die Frage, wer fährt nun auf der „falschen“ Seite?

Letztendlich ist es wohl eine Sache der Gewöhnung. Sogar rechts in die gefühlt falsche Spur abzubiegen und links in den Kreisverkehr zu fahren, wird normal. Es geht auch gar nicht anders, da die allgemeine Straßenführung es gar nicht anders erlaubt. Heute habe ich sogar eher das Problem auf dem Festland rechts zu fahren, obwohl einen Linkslenker steuernd. Und mir ist es schon passiert, frisch auf dem Festland angekommen, dass ich mich links zum Linksabbiegen eingeordnet habe. Hilfe!

Aber mal abgesehen von der Gewöhnung, gibt es noch ein paar weitere Unterschiede und diese machen das Fahren hier auf der Insel zum Ärgernis und zur Freude gleichermaßen.
Es ist egal, ob man hier auf dem Land, in der Stadt oder in der Millionenmetropole London fährt. Die allermeisten Engländer „schaukeln“ enervierend langsam durch den Verkehr. Heißt aber auch, sie fahren sehr gesittet, rücksichtsvoll und in der Regel lieber langsamer als zu schnell. Das macht vorrausschauendes Fahren nicht so ganz nötig, hat man den Eindruck. Im Zweifel bleibt man einfach stehen. Und ich dahinter.

Überhaupt herrscht auf den Straßen eine große Höflichkeit. Man hält immer am Zebrastreifen an, um Passanten vorüber zu lassen. Die allermeisten Fußgänger bedanken sich dann mit Handzeichen und Blickkontakt. Eine deutsche Besucherin wunderte sich einmal und fragte mich, warum sie sich bedanken. Es sei doch selbstverständlich, dass man hält. Nun, wenn ich bei Tisch um die Butter bitte, sage ich anschließend auch danke. Auch wenn es selbstverständlich ist, dass mir die Butter gereicht wird, oder?
Man nimmt den Anderen und seine Höflichkeitsgeste wahr. Es ist einfach gutes, normales Benehmen und schöner Umgang miteinander.  

Und das passiert nicht nur beim Zebrastreifen. Das passiert auch im täglichen Stadtverkehr. Es ist oft unglaublich voll, eng und gestaut wie im Rheinland. Wenn nicht noch voller. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt häufig nur 19 km/h. Es geht einfach nicht schneller. Da kann man fast besser laufen oder das Rad nehmen. Doch trotz dessen, dass alle voran und pünktlich kommen wollen, lassen die allermeisten Engländer andere Autos von der Seite kommend oder beim Spurwechsel rein und vorfahren. Wie nett. So rücksichtsvoll passieren kaum Unfälle und es geht entspannt zu. Wirklich gut.

Liebe Leserinnen und Leser, ja, es ist manchmal stressig und zum Haare raufen, wenn es nicht einen Meter vorangeht, man noch nicht mal wenden kann, schlicht feststeckt und wieder drei Autos mehr reingelassen werden. Aber alles aufregen, schimpfen und hupen hilft eben auch nicht und macht man hier auch nicht.
Wie schon das viele Grün und die wunderschönen Häuser eine Seelenpflege und Augenfreude sind, so ist der Umgang mit dem Verkehr letztendlich doch sehr angenehm und wohltuend.

In diesem Sinne,
machen Sie es gut - take care bis hoffentlich in vier Wochen (15.4.), wenn es dann um Manieren und Benehmen geht. Um Höflichkeit, nicht Freundlichkeit.

Ihre
Emmy Butt

 

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